Zur Struktur des südafrikanischen Rechtsberufs

Eingereicht von Christoph am 18. Jul 2012 - 15:40

Dank der früheren britischen Herrschaft über Südafrika, ist der Rechtsberuf hierzulande ähnlich strukturiert wie der englische. Wichtig ist vor allem die Unterscheidung zwischen Attorney (in England Solicitor) und Advocate (in England Barrister). Bis vor einigen Jahren unterschieden sich die beiden Berufe insofern, als nur der Advocate berechtigt war, im Hohen Gericht (High Court) zu erscheinen bzw. aufzutreten, während Advocate sowohl als Attorney im Amtsgericht (Magistrate’s Court) auftraten. Diese Unterscheidung wurde inzwischen abgeschafft, sodaß auch Attorneys mit den erforderlichen Qualifikationen im Hohen Gericht auftreten können. Der Advocate darf ein Mandat nur von Seiten eines Attorney übernehmen, der wiederum für das Honorar des Advocate haftet. Im Gegensatz zum Advocate, ist der Attorney verpflichtet, ein Treuhandkonto zu führen, welches alljährlicher Kontrolle durch den staatlichen Rechnungsprüfer unterliegt. Dessen Befunde werden der Anwaltskammer zugeleitet. Im Gegensatz zum Attorney, verwaltet der Advocate nie treuhänderisch Gelder für seine Mandanten. Er führt darum kein solches Konto. Nach Beendigung seines Mandats schickt er dem auftraggebenden Attorney seine Rechnung und kann binnen drei Monaten seine Bezahlung erwarten.

Seit jeher hat man sich gefragt, inwiefern das Bestehen von zwei verschiedenen Rechtsberufen sinnvoll ist. Der Hauptgrund für die Trennung war das Bestreben, absolute Unabhängigkeit des Advocate zu gewährleisten, indem er Mandate nur vom Attorney entgegennehmen darf, indem sein Mandat jeweils nur von Fall zu Fall gilt und indem er sich dem Attorney gegenüber als zu seinem jeweiligen Auftraggeber verhält. Auf diese Weise soll sich der Advocate völlig frei fühlen, Mandate ohne Rücksicht auf deren eventuelle politische oder sonstige Umstrittenheit anzunehmen und auch ungeachtet der Möglichkeit, daß ein späteres Mandat ihn vielleicht verpflichtet, eine gegensätzliche Interessenlage zu vertreten. Angesichts der Tatsache, daß viele andere Rechtssysteme eine solche Trennung der Berufe nicht kennen, mag die Überzeugungskraft dieser Überlegungen dahingestellt bleiben. Zweifellos bedeutet diese Zweiteilung jedoch eine zusätzliche finanzielle Belastung für den Mandanten: Bei allen Rechtsstreitigkeiten, die vor dem Hohen Gericht verhandelt werden, muss der Attorney ja nicht nur den Advocate beauftragen; er trägt überdies die Verantwortung für alle administrativen Seiten des Rechtsstreits; er muss dafür sorgen, dass Fristen eingehalten werden, Schriftsätze termingerecht eingereicht und der Gegenpartei zugestellt werden und dass die Akten dem Richter in übersichtlicher Form unterbreitet werden, um unnötigen Zeitverlust zu vermeiden. So muss also der Mandant zwei Rechtsvertreter haben und bezahlen. Um ihren Beruf ausüben zu dürfen und Zulassung bei den entsprechenden Berufskammern zu erhalten, müssen, abgesehen vom akademischen Jurastudium, Advocates sowie Attorneys anspruchsvolle Prüfungen ablegen. Im Gegensatz zum Attorney, der verpflichtet ist, einer Anwaltskammer (Law Society) anzugehören, ist beim Advocate die Zugehörigkeit zur Advokatenkammer (Bar Association) nicht unerlässliche Vorbedingung für die Vertretung eines Mandanten im Hohen oder in einem anderen Gerichtshof. Nach wie vor gilt, daß er Aufträge nur von einem Attorney annehmen darf. Leider wird jedoch die Befolgung dieser Vorschrift nicht überwacht; überdies betrachtet sich keine der beiden Berufskammern als zuständig hinsichtlich der zahlreichen fragwürdigen Advocates, die ihre Aufträge sozusagen von der Strasse holen, gewöhnlich über keine Büroräume verfügen, ihre Mandanten oftmals schändlich betrügen, und straffrei bleiben, weil die strengen Sanktionen der Anwaltskammern auf sie sie nicht anwendbar sind. Fast schon zehn Jahre erwägt man ein neues, umfassendes Gesetz zur Regulierung des Rechtsberufs. Im Mai 2011 lag ein erster Entwurf als Legal Practice Bill vor. Hierüber wird ein weiterer Beitrag berichten.

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